Mondscheinturnier von F.Drewes

Mondscheinturnier

Juliana stützte sich auf dem Besen ab und blickte gedankenverloren aus dem Fenster. In der Ferne sah sie die Turmspitzen des Schlosses in die Höhe ragen und malte sich, wie schon so oft, aus wie es wohl innerhalb der Mauern aussah.

Über den Schlossherren rankten sich allerlei Mythen die sowohl Bewunderung wie auch Verachtung und Angst in den Menschen hervorriefen. Die einen bezeichneten ihn als hochmütigen Edelmann, dessen Stolz es ihm verbot, sich selbst unters gewöhnliche Volk zu mischen. Andere wiederum erzählten sich gar, er wäre ein Dämon, der dazu verdammt sei, sein Leben in der Dunkelheit zu fristen. Einige behaupteten auch, vor allem dann, wenn sie dem Wein etwas zu sehr zugetan waren, der Schlossherr wäre einfach nur hässlich und würde sich deshalb aus Scham nirgendwo zeigen.

„Juliana, träumst du schon wieder?“ Erschrocken zuckte die junge Magd zusammen, als ihre Herrin sie so unvermittelt von hinten ansprach „Verzeiht Madame, ich habe mich hinreißen lassen“, entschuldigte sie sich und beeilte sich wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Die Komtesse trat unterdessen ans Fenster „Das Schloss hat etwas Geheimnisvolles, nicht wahr?“  Unsicher wie sie sich verhalten sollte nickte Juliana nur knapp. Ihre Herrin lächelte milde „Von der Bibliothek aus hat man einen noch besseren Ausblick darauf“, dann wurde ihre Stimme wieder etwas strenger, „Aber nun sieh zu, dass du deine Pflichten zu Ende bringst.“

„Ja Madame.“ Als sie wieder allein war warf Juliana nochmals einen kurzen Blick aus dem Fenster, und machte sich dann wieder an die Arbeit. Sie stand noch nicht lange im Dienst der Komtesse, die außer ihr selbst und einem Stallburschen keine weiteren Bediensteten hatte, aber sie wurde sehr gut von ihr behandelt und wollte es sich keinesfalls mit ihr verderben.

Als sie all ihre Pflichten erledigt hatte, begab Juliana sich in die Bibliothek. Ganz wohl fühlte sie sich nicht dabei, da sie hier eigentlich nichts zu suchen hatte, aber ihre Neugier war einfach zu groß. Tatsächlich gab es dort ein bodentiefes Fenster, von dem man weit mehr als nur die Turmspitzen des Schlosses erkennen konnte.

„Juliana?“ Schnell eilte sie wieder hinaus, als sie die Komtesse rufen hörte.

„Ja Madame, ihr habt gerufen?“

„Ich habe noch einige Dinge außerhalb zu erledigen und benötige deine Dienste für heute nicht mehr.“ Mit einer leichten Verbeugung bedankte sich Juliana und zog sich in ihre Kammer zurück.

~

Am nächsten Morgen erwachte Juliana viel zu spät und musste sich dadurch sehr beeilen, um das Frühstück rechtzeitig zu servieren. Als sie fertig aufgetischt hatte und den Raum wieder verlassen wollte, wurde sie nochmals an den Tisch zurück gerufen. Gedanklich legte sie sich bereits eine Entschuldigung zurecht, da sie in ihrer Hektik sicher etwas falsch gemacht oder vergessen hatte „Ist etwas nicht in Ordnung, Madame?“, fragte sie vorsichtig, aber die Komtesse schüttelte zu ihrer Erleichterung den Kopf „Sieh zu, dass du dich etwas zurecht machst. Du wirst mich nachher auf den Markt begleiten.“ Überrascht sah Juliana ihre Herrin an „Wirklich?“, fragte sie ungläubig, besann sich aber sofort wieder, „Ich meine, natürlich Madame“, sagte sie und bemühte sich, ihre Aufregung zu verbergen, bis sie allein in ihrer Kammer war. Sicher, sie würden vermutlich nur einige Erledigungen machen. Aber in dem Hause in dem Juliana zuvor mit ihrer Schwester gedient hatte, war es ihr stets verboten gewesen, sich vom Anwesen zu entfernen. Nachdem sie sich gewaschen hatte suchte sie von den wenigen Kleidern die sie besaß das am wenigsten geflickte heraus und versuchte erfolglos, ihre lockigen Haare ein wenig zu bändigen.

Als sie sich auf den Weg machte, spielte Juliana nervös mit ihren Händen: ‚Beruhig dich Juliana! Du begleitest nur deine Herrin auf den Markt. Das ist nichts besonderes für eine Dienstmagd!‘, sagte sie sich in Gedanken immer wieder, aber es half nicht viel. Fasziniert beobachtete sie schließlich das rege Treiben um sie herum und registrierte somit erst, als ihr Name fiel, dass sie bei einem Schneider standen und ihre Herrin offenbar Kleidung für sie in Auftrag gab.

„Aber Komtesse, so teure Stoffe für eine einfache Magd?“, fragte der Schneider gerade verwundert und musterte Juliana skeptisch. Unbehaglich wandte diese ihren Blick sofort zum Boden. Die Komtesse setzte ein strenges Gesicht auf „Nun, sie soll mich zum Turnier aufs Schloss begleiten. Dafür bedarf es vernünftiger Kleidung, alles andere wäre eine Beleidigung für mein Ansehen!“ Ihr Gegenüber verneigte sich leicht „Natürlich Komtesse“, sagte er in entschuldigendem Ton, wandte sich dann an Juliana und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Unsicher sah diese zu ihrer Herrin, welche ihr ermutigend zunickte. Mit einem seltsamen Gefühl, dass sie nicht wirklich als gut oder schlecht bezeichnen konnte, lies Juliana den Schneider maß nehmen und stand dann verlegen daneben, als der Stoff ausgewählt und alles Nötige besprochen wurde.

Noch immer mit gesenkten Blick folgte sie der Komtesse anschließend wieder durch das Getümmel.

„Geh gefälligst aufrecht Juliana. Den Blick stets auf mich gerichtet, aber nicht wie eine schwächliche Sklavin, sondern mit Haltung, verstanden?“, ermahnte diese sie leise, aber bestimmt. Juliana nickte und tat wie ihr geheißen, aber es viel ihr sichtlich schwer. Bisher wurde ihr immerhin stets eingebläut, sich immer dem Stand als einfache Bedienstete entsprechend zu verhalten.

Erst als sie sich auf den Rückweg machten und die Stadt hinter sich gelassen hatten, kamen ihr die Worte der Komtesse wieder in den Sinn und drängten ihr eine Frage auf die sie los werden musste „Verzeiht mir die Frage Madame, aber von welchem Turnier habt ihr vorhin gesprochen?“

„Nun, der Schlossherr hat zu einem, wie er es nennt, Mondscheinturnier geladen, indem sich die Ritter des Landes unter dem Vollmond miteinander messen sollen. Selbstverständlich muss ich mich bei einem solch seltenen Ereignis sehen lassen und du wirst mich begleiten“, erklärte ihre Herrin. Juliana konnte es kaum glauben, das konnte nur ein Traum sein „Ich darf wirklich mit euch aufs Schloss kommen?“ Die Komtesse nickte lächelnd „Aber bis dahin musst du noch einiges lernen. Es ist für eine Frau nicht leicht sich den Respekt zu verschaffen, den ich genieße. Selbigen kann ich mir nicht von einer Magd zunichtemachen lassen, die nicht entsprechend aufzutreten weiß.“

~

In den nächsten Tagen fand Juliana kaum einmal Ruhe, da sie nach Erledigung ihrer Pflichten stets noch an ihrer Haltung und ihrem Verhalten arbeiten musste. Es war anstrengend und die Komtesse häufig sehr streng und trotzdem fühlt sie sich so gut wie noch nie. Bisher hatte sie keiner wirklich wahrgenommen. Selbst ihre Schwester hatte sie immer nur herumkommandiert und jetzt stand sie vor einem großen Spiegel und betrachtete sich in dem wundervollen Kleid, dass ihre Herrin für sie hatte anfertigen lassen. Es war natürlich immer noch einfach gehalten und konnte in keiner Weise mit dem der Komtesse mithalten, aber für Juliana war es einfach traumhaft.

„Du solltest sparsam damit umgehen, deine Gefühle so offen zu zeigen“, mahnte die Komtesse, als sie sich mit einem strahlenden Lächeln im Spiegel betrachtete. Schnell bemühte sich Juliana wieder um eine neutrale Haltung „Ja Madame. Ich bin nur so schrecklich nervös“, gestand sie.

„Das kannst du auch, du darfst es dir nur nicht anmerken lassen, oder siehst du mir etwa Aufregung an?“; fragte ihre Herrin. Juliana schüttelte energisch den Kopf „Natürlich nicht! Weshalb solltet ihr aufgeregt sein.“ Die Komtesse lachte, was eine wirkliche Seltenheit war „Vermutlich bin ich nahezu genauso nervös wie du. Es war schon seit vielen Jahrzehnten keiner mehr aus meiner Familie auf dem Schloss“, erklärte sie, ging auf ein Gemälde zu und winkte Juliana zu sich „Das war die Schwester meines Urgroßvaters, Letitia mit dem damaligen Schlossherren. Man sagt, dass sie ihm wohl sehr zugetan war.“ Juliana betrachtete interessiert das Bild. Es strahlte etwas geheimnisvolles aus. Das Paar darauf war einander zugewandt und die Augen beider waren von seltsamen Masken verdeckt. „Aber wenn sie ein Paar waren, weshalb kam dann keiner mehr aus ihrer Familie aufs Schloss?“, fragte sie, und biss sich gleich darauf auf die Unterlippe, weil sie so neugierig war. Unsicher sah sie zur Komtesse, aber diese schüttelte nur mit leichtem Lächeln den Kopf „Sie waren kein Paar. Ihre Zuneigung war offenbar recht einseitig. Als sie einige Zeit später mit einem anderen vermählt werden sollte verschwand sie plötzlich spurlos. Seither war keiner mehr auf dem Schloss“, erzählte sie weiter und zuckte dann knapp mit den Schultern, „Zumindest erzählt man es sich so. Aber genug der alten Geschichten, wir sollten uns auf den Weg machen.“

~

Dicht an dicht drängten sich die Leute durch das Schlosstor. Den Gesprächsfetzten um sie herum konnte Juliana entnehmen, dass die wenigsten her gekommen waren um das Ritterturnier zu bejubeln. Nahezu jeder wollte lediglich einen Blick auf den Schlossherren werfen, um den sich so viele Mythen rankten. Endlich traten auch sie durch das Tor, allerdings blieb Juliana kaum Zeit sich umzusehen, da sie sonst Gefahr lief ihre Herrin aus den Augen zu verlieren, welche ihr zuvor noch eingebläut hatte stets in ihrer Nähe zu bleiben. Nachdem sich das Gedränge etwas gelegt hatte, wies die Komtesse sie an, an einer gut wiederzufindenden Stelle auf sie zu warten und sich nicht von der Stelle zu rühren. Scheinbar war sie nicht die einzige, der es so erging, denn neben ihr standen noch drei weitere Mägde, die offenbar allein gelassen wurden. Im Gegensatz zu ihr selbst unterhielten diese sich angeregt und schienen über ihre Herren zu lästern. Juliana entfernte sich demonstrativ noch um zwei Schritte und wandte ihren Blick in eine andere Richtung. Sie würde niemals so schlecht über die Komtesse sprechen.

Endlich bot sich ihr die Möglichkeit ihre Umgebung etwas genauer zu betrachten. Inmitten des großen Schlosshofs war eine Arena abgesteckt, in der die Ritterkämpfe stattfinden sollten. Dahinter war eine Art Empore errichtet worden, die wohl für die Schlossherren vorgesehen war. Zumindest vermutete Juliana das, aufgrund der reichen Verzierungen und der Wachen, die davor standen und dafür sorgten, dass keiner dem noch verwaisten Platz zu nahe kam.

Zu ihrer Linken huschte jemand vorbei und verschwand in einem Durchgang ins Schlossinnere. Juliana ertappte sich bei der Überlegung ihm zu folgen. So oft hatte sie sich ausgemalt, wie es wohl innerhalb der Mauern aussehen würde, nun da sie in dem prächtigen Hof stand, war die Neugierde wie es wohl drinnen aussehen würde noch größer. Prüfend hielt sie Ausschau nach der Komtesse, konnte sie aber nirgendwo entdecken. Unruhig trat sie von einem Fuß auf den anderen. Immer wieder schweifte ihr Blick zu dem so nahen Zugang ins Schloss. ‚Nur ein ganz kurzer Blick. Ich schaue um die Ecke und bin dann auch sofort wieder draußen ehe es jemand bemerkt‘, dachte sie sich. Unauffällig ging sie noch ein paar Schritte rückwärts und verschwand dann schnell im Eingang. Einen Moment presste sie sich mit angehaltenem Atem an die Mauer in der Befürchtung, dass sie jemand gesehen hatte, aber es kam keiner um sie wieder hinauszuwerfen. Leise schlich sie den Gang entlang. Viel erkennen konnte sie nicht, scheinbar machte man sich nicht die Mühe, die Gänge für die Bediensteten extra zu beleuchten, obgleich überall Fackeln an den Wänden hingen die man hätte entzünden können.

Nachdem sie ein ganzes Stück gegangen war, stand sie vor einer Tür und hatte bereits die Hand danach ausgestreckt, ehe sie zögerte und über die Schulter zurück blickte. Sie sollte das nicht tun. Was, wenn man sie erwischen würde? Angespannt lauschte sie auf ein Geräusch. Schritte oder Stimmen, aber das einzige was sie hörte, war der gedämpfte Lärm der vom Schlosshof hereindrang. Ein kurzer Blick hinter die Tür, dann würde sie sofort wieder nach draußen eilen, ehe ihre Herrin zurück kam. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, hatte sie auch schon die Tür geöffnet und stand in einem breiten Flur mit prächtig verzierten Wänden. Etliche Gemälde hingen dort zwischen massiven Kerzenhaltern und schönen Wandteppichen. Juliana drehte sich um die eigene Achse und lies ihren Blick fasziniert bis hinauf zu der hohen Decke wandern.

„Dies scheint mir nicht der rechte Ort für dich zu sein.“ Juliana erstarrte, als sie die Stimme hinter sich vernahm. Langsam drehte sie sich um und blickte in das strenge Gesicht einer Frau, die sich ihr völlig lautlos genähert hatte. Ein seltsamer Schauer überkam Juliana beim Anblick der makellosen Gestalt die ihr gegenüber stand. Ihre Haut war so blass, als hätte sie noch nie einen Sonnenstrahl gesehen und wirkte doch durch und durch gesund. Das hellbraune Haar hatte sie hochgesteckt und die blauen Augen fixierten sie. Unbehaglich wandte Juliana den Blick zu Boden „Ich… verzeiht… ich… habe mich wohl etwas verlaufen…“, stotterte sie. Was hatte sie sich nur dabei gedacht.

„So, verlaufen“, wiederholte die Frau, die nun direkt vor ihr stand. Abermals schauderte Juliana und sie wagte nicht aufzusehen.

„Die Tür zu deiner Rechten führt dich nach draußen. Beeil dich besser, ehe der Hofmarschall dich entdeckt. Er pflegt deutlich weniger Nachsicht mit unerwünschten Gästen zu zeigen, als ich es tue.“ Juliana blinzelte überrascht und stand noch einen Augenblick wie erstarrt da, ehe sie so schnell sie konnte durch die Tür und den dunklen Gang zurück auf den Hof stürzte. Ihr Herz schlug heftig und sie hatte Mühe wieder ruhiger zu Atmen. Wenigstens war die Komtesse noch nicht zurück und wusste somit nichts von ihrem Ungehorsam. Reglos stand sie nun da, mit erhobenem Haupt wie es ihre Herrin von ihr erwartete und wartete auf deren Rückkehr. Ihre Gedanken schwirrten immer wieder um die Frau, welche ihr seltsam bekannt vorgekommen war. Hinter ihr wurde mit einem lauten Knarren das Schlosstor geschlossen und mit einem Mal fand Juliana den, in fahles Mondlicht gehüllten Platz deutlich weniger einladend als zuvor. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit, bis ihre Herrin zurück kam und ihr mit ihrem selbstbewussten Auftreten, wieder etwas Sicherheit schenkte.

Sie setzten sich in einen etwas abgetrennten Bereich, von wo aus sie einen unverdeckten Blick auf die Arena und den Platz für die Schlossherren hatten. Die Wachen die dort standen erschienen Juliana ebenfalls unnatürlich blass, aber vermutlich wirkte das nur durch das kühle Mondlicht so.

Eine ehrfürchtige Stille legte sich über die Anwesenden, als schließlich der Schlossherr und seine Gemahlin angekündigt wurden und sich auf ihre Plätze begaben. Erschrocken stellte Juliana fest, dass es dieselbe Frau war, die sie zuvor so nachsichtig hatte ziehen lassen, und als ihr Name genannt wurde, fiel ihr auch wieder ein, woher sie ihr so bekannt vorkam. Ein kurzer Blick zur Komtesse verriet ihr, dass auch sie die verblüffende Ähnlichkeit der Beiden zu dem Gemälde in ihrem Heim bemerkt haben musste. Das die Frau ebenfalls Letitia hieß, schien beinahe ein Zufall zu viel zu sein.

Zu guter Letzt betrat noch ein weiterer Mann die Empore, der als der Hofmarschall angekündigt wurde und bei dessen Anblick Juliana große Erleichterung überkam, nicht von ihm erwischt worden zu sein. Mit seinem langen schneeweisen Haar und dem emotionslosen Gesichtsausdruck wirkte er tatsächlich alles andere als nachsichtig.

Während die meisten Anwesenden bald das Interesse am Anblick des Schlossherren verloren und sich auf das Turnier konzentrierten, schweifte Julianas Blick immer wieder zurück zu der Empore. Als sie einmal mehr zu ihnen sah, beugte sich Letitia gerade zu ihrem Gemahl, deutete mit einem nicken in ihre Richtung und sagte etwas zu ihm. Sowohl er, wie auch der Hofmarschall folgten ihrem Blick. Schnell wandte sich Juliana wieder dem Turnier zu und versuchte das unbehagliche Gefühl abzuschütteln, dass sie ganz plötzlich übermannt hatte. Sicher hatte sie sich nur eingebildet, dass die Frau auf sie gedeutet hatte. Immerhin war sie nur eine unbedeutende Magd. Es dauerte einige Zeit, bis sie es nochmals wagte sich den Schlossherren zuzuwenden, aber deren Aufmerksamkeit lag wieder vollends auf dem Turnier.

Kaum, dass der letzte Ritterkampf zu Ende war, erhob sich die Komtesse und steuerte, gefolgt von Juliana auf das Schlosstor zu. Jedoch war dieses nach wie vor verschlossen.

„Komtesse, wollt ihr uns etwa schon verlassen?“ Für einen flüchtigen Moment schien ihre Herrin genauso erschrocken wie sie selbst, als die tiefe Stimme des Hofmarschalls hinter ihnen erklang. Wie zur Hölle hatte er es geschafft, so schnell bei ihnen zu sein?  Die Komtesse hatte sich allerdings ebenso schnell wieder unter Kontrolle und wandte sich ihm mit einem Lächeln zu „Hofmarschall. Ich bin erfreut eure Bekanntschaft zu machen. Ja, ich fürchte ich muss mich schon verabschieden. Es ist noch ein langer Weg zurück in die Stadt, und Morgenfrüh warten bereits wieder wichtige Pflichten auf mich“, entschuldigte sie sich.

„Das ist schade“, erwiderte der Hofmarschall und richtete seinen Blick auf Juliana, „meine Herrin interessiert sich offenbar sehr für eure Magd, und hofft mit euch ins Geschäft zu kommen.“ Erschrocken trat Juliana einen Schritt hinter die Komtesse zurück. War die Schlossherrin womöglich doch nicht so nachsichtig wie erhofft?

„Ich fürchte das muss ich verneinen. Sie steht nicht zum Verkauf zu Verfügung“, entgegnete die Komtesse, zu Julianas Erleichterung, bestimmt.

„Ach nein? Das ist sehr bedauerlich“, stellte der Hofmarschall fest, und lächelte der Komtesse kühl zu, „Nun denn, da lässt sich wohl nichts machen, nicht wahr? Meine Herrin wird sicher enttäuscht sein.“ Er wandte sich bereits ab, als die Komtesse nochmals das Wort an ihn richtete. Jedoch klang ihre Stimme dabei seltsam ausdruckslos „Wartet. Ich möchte eure Herrin keineswegs enttäuschen. Ich werde schon eine neue Bedienstete finden“, sagte sie, trat beiseite und schob Juliana ein Stück in seine Richtung.

„Aber Madame…“, wollte diese entsetzt widersprechen und erschrak über die seltsame Leere im Blick ihrer Herrin. Der Hofmarschall hatte sich ihnen unterdessen, mit einem gewissen Triumph im Blick, wieder zugewandt „Das ist wirklich überaus zuvorkommend von euch. Erlaubt mir, euch im Namen meiner Herrin diese Brosche zu überreichen. Ein altes Familienerbstück“, sagte er mit seltsamem Unterton und überreichte ihr ein Schmuckstück. Bei dem flüchtigen Blick den Juliana darauf werfen konnte, glaubte sie zu erkennen, dass es dieselbe Brosche war, welche auch die Komtesse häufig trug.

„Ihr solltet euch auf den Weg machen, meine Liebe. Es scheint als würde ein Unwetter aufziehen“, sprach der Hofmarschall weiter. Irritiert sah Juliana zum sternenklaren Himmel. Die Komtesse hingegen nickte „Ja, ich sollte mich beeilen. Richtet eurer Herrin meinen Dank aus“, sagte sie noch, dann wandte sie sich um und verließ das Schloss durch die inzwischen wieder geöffneten Tore.

Ungläubig stand Juliana da und wusste nicht recht was hier gerade passiert war. Völlig verunsichert folgte sie dem Hofmarschall schließlich ins Schlossinnere. Auch jetzt war ein Großteil der Gänge unbeleuchtet, und sie musste aufpassen mit ihrem Führer Schritt zu halten, der sich an der Dunkelheit nicht zu stören schien. Den Gedanken weg zu laufen verwarf sie schnell wieder, da sie bereits nach kurzer Zeit völlig die Orientierung verloren hatte. Schließlich betraten sie ein großes Zimmer mit einem Kamin indem ein gemütliches Feuer prasselte. Der Schlossherr und seine Gemahlin erwarteten sie dort bereits.

„Da seit ihr ja. Habt Dank, Hofmarschall“, begrüßte Letitia sie mit amüsiertem Lächeln. Der Hofmarschall gab ein Knurren von sich und setzte sich in einen der Sessel „Ich habe euch den Gefallen getan, jetzt ist aber auch gut damit!“, betonte er. Der Schlossherr begann zu lachen „Vielleicht sollte ich dich in deinem Amt belassen. Ich finde du machst dich außerordentlich gut als Hofmarschall, mein Freund.“

„Hüte dich!“, entgegnete der Hofmarschall, oder was auch immer er tatsächlich war, mit einem Schmunzeln. Völlig verloren stand Juliana noch immer an der Tür als Letitia sich ihr zuwandte „Komm her, Kind. Setz dich ans warme Feuer“ Zögerlich ging Juliana auf sie zu. „Sieh sie dir an Liebster. Sie hat eine unglaublich starke Aura für einen Menschen, findest du nicht? Ich bin sicher sie wird uns gute Dienste leisten“, sagte Letitia und umrundete Juliana. Diese hatte den Blick zum Fenster gerichtet und sah zufällig, wie ein paar Männer auf dem bereits wieder leeren Schlosshof die Empore abzubauen begannen. Jedoch nutzten sie dabei keinerlei Hilfsmittel, um an die obersten Stellen zu gelangen, sondern schienen in der Luft zu schweben „Was… was ist das…“, stammelte sie leise, drehte sich dann ruckartig um und wich zurück, bis sie mit dem Rücken zur Wand stand. Nun konnte sie die Angst die schon die ganze Zeit in ihr tobte nicht mehr zurückhalten „Die Leute haben Recht! Ihr seid Dämonen!“, stieß sie panisch hervor, entlockte den Anwesenden damit aber nur ein amüsiertes Lachen.

„Dämonen sind reine Hirngespinste eurer Kirche, mein Kind. Nichts im Vergleich zu unserer Art“, erklärte sich der Schlossherr schließlich.

„Aber… was seid ihr?“ Letitia schmunzelte „Habe ich es euch nicht gesagt? Voller Neugier das Mädchen“, dann wandte sie sich wieder an Juliana, „Alles zu seiner Zeit. Solange du tust was man dir sagt, hast du nichts zu befürchten“, ein kühles Lächeln umspielte ihre Lippen, „Für´s Erste.“

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2 Responses to Mondscheinturnier von F.Drewes

  1. Hotaru says:

    Hallo,
    die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Man wird sofort gefesselt und kann nicht mehr aufhören. Super ^^

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